#Neuland-Exkursionen im Wiwo #Lunchtalk

Hallo Gunnar,

ich stimme Dir zu, dass die Aussagen von Angela Merkel gestern zu PRISM absolut unmöglich waren.

So ist sie Herrn Obama nicht in die Parade gefahren und hat Bürgerrechte gegen den allwissenden Staat verteidigt. Allein das ist schon eine Katastrophe und verdient schärftste Kritik. Es sei denn, sie vertritt die Ansicht es sei Sache, ja gar das Recht des Staates über Gedanken und Taten seiner Bürger umfassend informiert zu sein. Dass die Tendenz in diese Richtung geht wird offensichtlich. Dann hätte sie jedoch wenigstens so ehrlich sein und das sagen sollen! Aber das traut sie sich selbstverständlich nicht!

Über die Reaktion der Netzgemeinde kann man auch geteilter Meinung sein. Man muss sie nicht, kann sie aber gut finden. Ich gehöre jedenfalls zur zweiten Gruppe. Daher halte ich den Vorwurf von Johannes Kuhn von der Süddeutschen Zeitung, die Reaktion sei Ausdruck des Spießertums, für exakt das was er der Netzgemeinde vorhält: spießig. Denn Humor, etwas durch den Kakao ziehen ist durchaus Ausdruck einer Haltung, einer bewußten Reaktion; aber das Humorverständnis in Deutschland… ist ebenfalls ein Kapitel für sich. Ich, und ich zähle mich in keinem Fall zur sogenannten ”digitalen Elite”, sondern verstehe mich als jemand, für den der tägliche Umgang mit diesem ”Neuland” beruflich und privat selbstverständlich geworden ist, fühle mich dadurch beleidigt.

Und bezüglich der Debatte zur Digitalisierung Deutschlands macht sich bei mir mittlerweile nur noch absoluter Pessimismus breit. Die Entscheidungen der Politik – wie etwa BDA, LSR oder die angedachte Verordnung von Rösler zur Netzneutralität – stehen im absoluten Gegensatz zur angeblichen Bedeutung der IT für die Zukunft unseres Landes. Immer dann wenn ein netter Pressetermin ansteht, IT-Konferenz beim Bund mit SAP, Telekom, BITKOM & Co. (in der Regel eben Konzerne), CeBIT oder ein medienwirksames Treffen mit Startups, dann ist IT / Digitalisierung wichtig, dann wird groß und breit über die Chancen geredet und Unterstützung angekündigt. Wenn nicht dann erliegt die Politik den Einflüsterungen von Lobbyisten, diskutiert über Gefahren statt Chancen und verhält sich kontraproduktiv zu allen Erfordernissen für eine zukünftig starke wirtschaftliche Entwicklung. Das noch nicht einmal marginal vorhandene Wissen zur IT in der Politik ist eine totale Wettbewerbsverzerrung und gefährdet die Zukunft unseres Landes. Das klingt dramatisch ist aber leider auch so dramatisch!

Vielleicht ist das jedoch die Chance die wir haben, dass vielleicht jetzt eine überfällige Diskussion über die Chancen und Erfordernisse der Digitalisierung Deutschlands angestoßen wird. Aber vermutlich werden wir auch das wieder versäumen!

 

PS: Eigentlich ist der Artikel als Kommentar zu einem Artikel von Gunnar Sohn gestartet, der dann aber deutlich länger als gedacht wurde, sodass ich mich entschieden habe, diesen Kommentar hier in Form eines offenen Briefes zu veröffentlichen.

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Die Nebelkerze aus Bonn zeigt Wirkung

Wie hier bereits vor einiger Zeit gepostet, will die Deutsche Telekom einen Paradigmenwechsel vollziehen und die Netzneutralität abschaffen. Dagegen hat sich unter Federführung von Johannes Scheller erfolgreich Widerstand gebildet, der mit der notwendigen Zahl an Unterstützern für die ePetition sein erstes Etappenziel erreicht hat. Vielleicht hat man in Bonn das Tempo und die Heftigkeit der Reaktion unterschätzt. Falls ja, so sind die Strippenzieher dort jedenfalls auf bestem Wege, ihren Fehler auszumerzen. Dafür setzen sie auf eine Nebelkerze in Form einer Änderung der Drossel: Beginnend bei einem Volumen von 75 GB sollte das „Tempo“ gedrosselt werden auf 384 Kbit/s, technologisch ein Rückfall in die Steinzeit des Internets.

Doch das soll jetzt geändert werden auf 2Mbit/s, also auf das Niveau, was von der Politik bereits als Breitband bezeichnet wird. Grund hierfür: „Wir haben verstanden, dass unsere Kunden sich Sorgen machen“, so Niek Jan van Damme, Deutschlandchef der Telekom. Und das zeigt Wirkung. Die Süddeutsche Zeitung schlagzeilt bereits „Telekom knickt vor Drosselkom-Protest ein“ was absoluter Quatsch ist! Denn dies ist keine Maßnahme die ein Einknicken vor dem Protest darstellt! Erstens ist es durchaus möglich, dass dieses Vorgehen von Anfang an als Reaktion auf einen Proteststurm angedacht war. Zweitens jedoch geht es beim Protest in erster Linie um einen weitaus wichtigeren Punkt, die Wahrung der Netzneutralität. Und in dieser Angelegenheit rückt die Telekom keinen Zentimeter von ihrem Standpunkt ab, zwischen guten, sprich eigenen Daten und sogenannten Managed Services, und schlechten, allen anderen Daten zu unterscheiden! Anders ausgedrückt, von der Bevorzugung bestimmter Dienste ist der Bonner Konzern nicht abgerückt.

Was das für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes, Stichwort Wettbewerbsverzerrung, oder den einzelnen User real bedeutet, das kann man nochmals wunderbar an dem Video von Alexander Lehmann und Mario Sixtus nachvollziehen: